Themenübersicht:
- Was ist axSpA? Begriffe, Formen und Unterschiede zwischen r-axSpA und nr-axSpA
- Diagnostik: kein einzelner Test, sondern das Gesamtbild aus Anamnese, Untersuchung, Labor und Bildgebung
- Management: Lebensqualität, frühe Entzündungskontrolle und personalisierte Therapien
- Ausblick: offene Fragen zu Diagnose, Monitoring und dem Potenzial künstlicher Intelligenz
Video-Referat von Dr. med. Godehard A. Scholz, anlässlich des Schweizerischen Bechterew-Treffens vom 30. Mai 2026 im Hotel National in Bern
Was bedeutet axSpA – und für wen?
Axiale Spondyloarthritis (axSpA) ist der moderne Oberbegriff für eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule und Iliosakralgelenke, die teils auch periphere Gelenke oder Organe wie Auge, Haut und Darm betrifft. Man unterscheidet die radiographische Form (r-axSpA) mit sichtbaren Strukturschäden im Röntgenbild von der nicht-radiographischen Form (nr-axSpA), bei der sich nur im MRT Entzündungen zeigen. Der Krankheitsbeginn liegt meist zwischen 20 und 30 Jahren – mitten in einer beruflich und sozial besonders aktiven Lebensphase, was sich laut einer 2023 in vertical publizierten Studie auch in einer deutlich höheren Erwerbslosigkeit unter Betroffenen zeigt.
Diagnostik: das Gesamtbild zählt
Einen einzelnen Diagnosetest gibt es nicht – die Diagnose stützt sich auf das Zusammenspiel aus Anamnese, körperlicher Untersuchung, Labor und Bildgebung. Besonders hilfreich ist dabei die Unterscheidung zwischen entzündlichem und mechanischem Rückenschmerz, etwa anhand von Morgensteifigkeit, nächtlichem Aufwachen und dem Ansprechen auf Ibuprofen. Auch die Bildgebung hat ihre Grenzen: Nicht jede Ödemzone im MRT ist entzündlich bedingt.
Management: Lebensqualität und Partnering
Im Zentrum stehen für Dr. Scholz die Lebensqualität, eine frühe Entzündungskontrolle und die soziale Partizipation der Betroffenen – getragen von einem echten «Partnering» zwischen Ärzteschaft und Patient:innen. Neben Medikamenten wie NSAR, TNF-, IL-17- oder JAK-Inhibitoren betonte er die nicht-pharmakologische Basistherapie: Selbstmanagement, Mobilitätserhalt und Rauchstopp.
Digitale Anwendungen und Selbsthilfe
Digitale Gesundheitsanwendungen wie die deutsche Axia-App können Krankheitsaktivität, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität nachweislich verbessern. Auch Selbsthilfegruppen wirken sich positiv aus – Dr. Scholz machte allerdings darauf aufmerksam, dass vor allem männliche, verheiratete Patienten unter Biologika-Therapie davon profitieren, und warf die Frage nach dem Zugang für andere Subgruppen auf.
Geschlechtsspezifische Unterschiede und Präzisionsmedizin
Frauen benötigen oft länger bis zur Diagnose, zeigen andere Symptome und sprechen im Schnitt schlechter auf bestehende Therapien an als Männer. Neue Ansätze der Präzisionsmedizin – etwa die Bestimmung von Immunzell-Markern vor Therapiebeginn – könnten künftig helfen, das jeweils passende Medikament gezielter zu wählen.
Ausblick: Synergien schaffen 2026
Zum Abschluss verband Dr. Scholz die drei Dimensionen seines Vortrags: Präzision und Prädiktion in der Hightech-Medizin, Partnering in der Patient:innenteilhabe und bessere Vernetzung sowie Innovationsfinanzierung in der Gesundheitspolitik. Sein Fazit: Der Austausch zwischen allen Akteuren – wie an diesem Treffen – sei der Schlüssel für die kommenden Jahre.
Transkript
Vielen Dank für die freundliche Einladung und herzlich willkommen zu meinem Referat mit dem tatsächlich langen Titel «Dimensionen der axSpA 2026, Synergien schaffen zwischen Hightech-Medizin, Patient:innenteilhabe und Gesundheitspolitik».
Die Dimensionen der axialen Spondylarthritis und die Facetten dieses Krankheitsbildes werden sehr schnell klar, wenn man sich die folgenden Punkte einmal vergegenwärtigt. Wir haben es mit einer chronisch entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule und der Iliosakralgelenke zu tun. Es gibt zum Teil auch einen Befall der peripheren Gelenke und der Sehnenstrukturen. Es können Organe wie das Auge, die Haut oder auch der Darm mitbeteiligt sein.
Der Krankheitsbeginn unter 45 Jahren trifft eben die Betroffenen in der aktivsten beruflichen und sozialen Phase. In dieser Zeit finden wir unseren Lebenspartner, in dieser Zeit gründen wir vielleicht eine Familie, in dieser Zeit schaffen wir unser Eigenheim, in dieser Zeit wollen wir uns beruflich etablieren, unsere Karriere fortsetzen. Und eine solche Diagnose, die eben auch einen chronischen Verlauf hat und das ganze Leben beeinträchtigt, hat natürlich dann Auswirkungen auf die individuelle Lebensplanung, auf die sozialen Netze, das soziale Umfeld – der Partner, die Partnerin, die Freunde, die Familie sind betroffen – und natürlich auch durch die Kontakte mit der Medizin, die Langzeitversorgung, Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.
Mit dem plakativen Titel «Der hohe Preis des Bechterew» wurde 2023 in der Zeitschrift vertical das auch zusammengefasst. In dieser Studie wurde gezeigt, dass die Arbeitslosigkeit bei Betroffenen bei 23,5 Prozent liegt, im Vergleich zu 6,2 bis 13,1 Prozent in der Vergleichsgruppe bei den Gesunden. Interessanterweise ist ein Risikofaktor für die Arbeitslosigkeit auch das Geschlecht, denn männliche Betroffene waren häufiger arbeitslos als weibliche Betroffene. Und ich komme nachher noch in meinem Vortrag dazu. Hier scheint es doch unterschiedliche Subpopulationen oder unterschiedliche Einflüsse der Krankheit auch auf das Geschlecht zu geben, dass es einen unterschiedlichen Einfluss hat, ob man ein männlicher Betroffener ist oder auch eine weibliche Betroffene.
Es wird dadurch schnell klar, dass wenn wir das Krankheitsbild axiale Spondylarthritis erfolgreich managen wollen, es dort eine Zusammenarbeit und das Ausschöpfen des Potenzials braucht. Zum einen das, was die Medizin oder Hightech-Medizin zu bieten hat, aber eben auch die Patient:innenteilhabe, die Patientenressourcen zu fördern, gemeinsam Entscheidungen zu finden, und dies im Rahmen der politischen Bedingungen. Das sind die Dimensionen, die ich meine mit 2026, und ich werde im Folgenden immer wieder darauf eingehen.
Schauen wir zunächst ein bisschen auf das Krankheitsbild axiale Spondylarthritis und ein Update zu den Begriffen, damit wir wissen, worüber wir sprechen. An und für sich ist der moderne Oberbegriff die sogenannte axSpA oder axiale Spondylarthritis. Sie finden häufig auch in der Literatur den Begriff radiografische axSpA. Was bedeutet das, wenn dort steht r-axSpA? Das ist eher historisch gewachsen und bezieht sich auf die Strukturschäden in Röntgenbildern. Es gibt konventionelle, normale Röntgenbilder vom Becken, und man sieht dort Erosionen oder knöcherne Durchbauungen des Iliosakralgelenks. Wenn wir so etwas finden, sprechen wir von einer radiografischen axSpA.
Die nicht-radiografische axSpA, der Begriff gerade darunter, bezieht sich auf die Befunde im MRT, in der Diagnostik. Dort ist es noch nicht zu diesen strukturellen Spätschäden gekommen, die man im Röntgenbild detektieren kann. Dort finden wir die Entzündungen, die wir nachweisen können im MRT.
Die ankylosierende Spondylitis ist letztlich das Spätstadium. Dort ist es zu postinflammatorischen, also nach der Entzündung, knöchernden Durchbauungen gekommen. Das ist das Spätstadium letztlich der radiographischen axialen Spondylarthritis mit Knochenfusionen und Versteifung. Das, was man Morbus Bechterew nennt.
Ein kurzes Update zur Epidemiologie: Der Krankheitsbeginn ist wirklich in der aktivsten Lebensphase, zwischen 20 und 30 Jahren. Interessanterweise zeigen die neuesten epidemiologischen Daten Folgendes: Die radiografische axSpA zeigt ein Verteilungsmuster zwischen Männern und Frauen von 2 bis 3 zu 1. Die nicht-radiografische axSpA zeigt ein Verteilungsmuster zwischen Männern und Frauen von 1 zu 1. Man kann daraus viel ableiten – ist vielleicht bei Männern der Verlauf aggressiver, detektieren wir später? Wir sehen zumindest die Spätschäden bei Männern häufiger.
Interessanterweise steigt der Anteil der nicht-radiografischen axSpA – also die Entzündung, die wir mittels MRI erkennen können – an, und zwar durch den häufigeren Einsatz des MRI. Und das ist an und für sich eine gute Nachricht, denn wir sind früher in der Diagnostik. Wir können die Patienten dann detektieren und diagnostizieren, wenn eben noch nicht die Spätschäden am Achsenskelett aufgetreten sind, sondern wenn wir noch in diesem entzündlichen Stadium sind. Die globale Prävalenz liegt zwischen 0,3 und 1,4 Prozent, und jährlich geht man von ca. 7 Neuerkrankungen pro 100’000 Personen aus.
Lassen Sie sich von diesem Pathogenese-Bild nicht abschrecken, man kann einfach lernen: Wir gehen von einer gewissen Autoimmunerkrankung aus. Durch das HLA-B27, ein Molekül auf der Oberfläche von sogenannten antigenpräsentierenden Zellen, wird ein Antigen präsentiert, und es kommt zu einer Immunreaktion. Es kommt dann zu einer Entzündung mit Botenstoffen – Interleukin-17, Interleukin-23, Tumor-Nekrosefaktor-Alpha, das sind alles Begriffe, die Sie gehört haben – die zu einer Aktivierung am Achsenskelett führen. Wir haben dort Osteoklasten, Zellen, die den Knochen abbauen; diese sind dann verantwortlich für die Erosion, die wir detektieren können. Und es kommt zum anderen auch zu einer überschiessenden Knochenproduktion durch Osteoblasten, was letztlich für diese knöchernen Überbauten verantwortlich ist, was diese Einsteifung hervorruft.
Letztlich kann man aus diesem Pathogenese-Slide sehr gut auch das Sozioökonomische oder Sozialsoziale ableiten. Denn die Frage ist, wo wollen wir therapieren? Wir wollen möglichst früh therapieren, wenn wir die Entzündung behandeln können, und wir wollen in diesem Stadium therapieren und die Entzündungsmoleküle blockieren. Und wir wollen nicht erst in diesem Spätstadium, wo schon Knochenumbau und Versteifung eingetreten sind, die Patienten sehen und detektieren. Wir wollen also eine frühe Diagnose erzielen.
Und genau das ist in der Diagnostik die Krux, oder? Das Erkennen des klinischen Gesamtbildes mit dem Ziel des frühen Behandlungsbeginns. Und die Schwierigkeit dabei ist, dass es für die axSpA keinen einzelnen Diagnosetest gibt. Es gibt keinen einzelnen Wert, der das diagnostizieren kann, sondern es ist immer die Kombination aus der Anamnese, den körperlichen Untersuchungsbefunden, Laboruntersuchungen und bildgebenden Verfahren. Dieses Gesamtbild hilft uns, ein Muster, ein sogenanntes Pattern, zu erkennen, auf dessen Basis wir dann die Diagnose stellen können.
Und weil es so wichtig ist, habe ich noch einmal einen Slide eingefügt zu dem, was wir unter entzündlichem Rückenschmerz verstehen und wie wir dies auch differenzieren können vom mechanischen Rückenschmerz. Wir sehen: Der entzündliche Rückenschmerz ist eben der, der über drei Monate besteht und schleichend beginnt. Wir haben eine Morgensteifigkeit, die über 30 Minuten andauert, der Rückenschmerz verbessert sich mit Aktivität, verbessert sich aber nicht bei Ruhe. Die Patienten wachen nachts auf, und zwar typischerweise in der zweiten Hälfte der Nacht. Und es ist ein gutes Ansprechen auf die nicht-steroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen und diese Gruppe zu verzeichnen.
Ganz anders der mechanische Rückenschmerz: Die Morgensteifigkeit liegt unter 30 Minuten, er verschlechtert sich bei Aktivität, verbessert sich eben in der Ruhe, es kommt selten zu Schlafstörungen oder Aufwachen nachts, und dieses Ansprechen auf Medikamente wie Ibuprofen ist weniger gut. Und das ist ganz zentral wichtig, dass man sich dieses Bild vergegenwärtigt, denn wenn man diese Symptome versteht und zuordnen kann, ist die Zuweisung zum Rheumatologen aus der Hausarztpraxis, die häufig den ersten Kontakt darstellt, sehr schnell möglich. Und es ermöglicht eben auch eine schnelle Diagnose und eine frühzeitige Intervention.
Was muss man sagen zu Klinik und Labor? Ganz kurz: Wir haben nicht nur den Befall an der Wirbelsäule und dem tiefen Rücken an den Iliosakralgelenken, sondern es können auch die peripheren Gelenke – meistens sind es die Sprunggelenke oder Knie – betroffen sein, wir sehen entzündliche Veränderungen an den Sehnen. Wir haben Formen im Formkreis der Psoriasis-Arthritis, wo ganze Finger oder Zehen angeschwollen sein können. Es gibt Überlappungen, dass eben das Auge mit einer Entzündung der Regenbogenhaut betroffen sein kann. Wir sehen einen Hautbefall. Es kann auch zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen kommen. Und das, was Sie nicht beunruhigen muss: Normale Entzündungswerte finden wir bei vielen Patienten, bei 60 Prozent der Patienten. Und das hat nichts zu bedeuten, wenn der Entzündungswert im Blut normal ist.
Was sehen wir an der Bildgebung? Hier zwei Beispiele für die sogenannte radiografische axiale Spondylarthritis. Wir sehen hier eben die Spätschäden. Wir haben einen Blick auf das Becken, Sie können hier die Beckenschaufel und die Lendenwirbelsäule erkennen. Und man sieht hier diese Aufhellungszonen, diese Erosionen in der Gelenkfuge, und hier eben schon eine Verschmälerung oder Durchbauung des Gelenkspaltes, der gar nicht mehr klar erkennbar ist. Noch mehr sieht man das an der Lendenwirbelsäule: Hier sind diese sogenannten Syndesmophyten zu sehen, die knöcherne Überbauung im Längsband. Das ist das, was dann die Mobilität der Wirbelsäule einschränkt und zur Versteifung führt. Diesen Befund wollen wir nach Möglichkeit natürlich vermeiden.
Die nicht-radiografische axSpA diagnostizieren wir mit dem MRI, und Sie können hier in dem Schnitt auf die Iliosakralgelenke diese grossen Ödemzonen erkennen, die sich hier weiss darstellen. Es sind vor allem coronare Schnitte, die durch das Gelenk scannen; man sieht diesen Befund in der Mitte des Gelenkes. Aber Vorsicht, die Diagnostik ist nicht ganz so einfach: Daneben dargestellt sind eben die Veränderungen, die mechanischer Genese sind, der sogenannte Bone Stress, der bei Frauen nach der Geburt vorkommen kann. Auch hier sehen wir Ödemzonen, die aber nichts mit einer axialen Spondylarthritis zu tun haben. Diese sind aber vor allem ventral im Gelenk lokalisiert. So ist das MRI auch nur ein Puzzleteil, das uns bei der Diagnose hilft, und das Gesamtbild gilt es dabei durchaus zu berücksichtigen.
Zum Management: Die Hauptziele sind, die Lebensqualität zu verbessern. Die frühzeitige Entzündungskontrolle führt dann zur Symptomkontrolle und zur Verhinderung von Schmerzen, und das Ziel ist natürlich die Verhinderung struktureller Schäden – wir wollen keine knöchernen Überbauungen, wir wollen keine Erosionen, wir wollen keine strukturellen Spätschäden. Die soziale Partizipation: Betroffene sollen ein möglichst normales Leben führen können, sich entfalten, ihre Lebenspläne verwirklichen dürfen, und wichtig ist, dass das in Form eines Partnerings erfolgt. Das heisst, eine Patienteninformation ist essenziell. Wir wollen gemeinsam Entscheidungen treffen, und wir wollen vor allem individuelle Entscheidungen treffen.
Wenn wir schauen auf das Management, was nicht-pharmakologisch möglich ist, haben wir die Möglichkeit einer dauerhaften Begleitung, die Förderung von Selbstmanagement und Krankheitsverständnis, die Erhaltung der Mobilität und Vorbeugung von Fehlhaltungen, und eben der Rauchstopp, der ist essenziell.
Beim Selbstmanagement möchte ich gerade verweisen auf das, was wir finden bei den sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen, sogenannte DiGA. Das sind Entwicklungen, die für das Smartphone geeignet sind – Apps, die man herunterladen kann und die eine sehr personalisierte Behandlung ermöglichen. Das ist ein Beispiel aus Deutschland, die sogenannte Axia-App. Eine Studie hat gezeigt, dass die Anwendung von solchen Gesundheits-Apps wirklich zu einer Verbesserung der Krankheitsaktivität, zu einer Verbesserung der Funktionsfähigkeit und zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen kann. Und Sie sehen, diese Apps sind sehr individuell gestaltet, denn es wird gefragt, wo man gerade Schmerzen hat, und dann bietet die App individuell auf den aktuellen Schmerzbedarf an, welche Übungen der Patient, der Betroffene durchführen soll.
Das, was in Deutschland mit dieser App möglich ist: Diese Apps sind mittlerweile verschreibungsfähig, und die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen; Patienten bekommen dann einen Code und können diese App herunterladen. Und da ist viel in der Entwicklung, auch in der Schweiz. Da bleibt wahrscheinlich die nächsten Monate und Jahre abzuwarten, aber das sind preisgünstige Devices, die vor allem das Selbstmanagement auch verbessern können.
Die MySQM-App ist ähnlich, die hilft uns vor allem als Kliniker für Forschungsprojekte. Wir können dort sehen, welche Patienten mit welchem Therapieregime behandelt werden, wie gut das Ansprechen ist, und können daraus gewisse Kohorten bilden, etwas über die Patientengruppen lernen und auch über die bessere Therapieauswahl.
Das Selbstmanagement ist sehr wichtig. Die Selbsthilfegruppen werden auch im vertical 2023 erwähnt, und es zeigt sich, dass eine Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und der Zugang zur Selbsthilfegruppe einen positiven Effekt auf die Lebensqualität hat und auch zur Vorbeugung von psychischem Leiden. Interessanterweise sind die Patienten, die vor allem in den Selbsthilfegruppen zu finden sind, eher männlich, verheiratet, übergewichtig und unter Biologikatherapie. Und man kann sich hier fragen: Was ist mit der unverheirateten Frau, die normalgewichtig ist und vielleicht nicht unter Biologikatherapie steht – finden diese Patientinnen schlechteren Zugang zu den Selbsthilfegruppen, oder finden sie sogar schlechteren Zugang zur Biologikatherapie? Genau im umgekehrten Fall zeigt sich auch, dass es tatsächlich Unterschiede gibt bei den einzelnen Subgruppen in der Behandlung, und das macht durchaus einen Unterschied, ob man einen männlichen oder einen weiblichen Patienten vor sich sitzen hat.
Ganz kurz zum Management: Sie kennen diese grossen Tafeln, ich möchte da nur ganz kurz einen Überblick geben. Primär ist natürlich die Therapie mit den nicht-steroidalen Antirheumatika im Vordergrund, Selbstmanagement, Aktivität, Physiotherapie, und dann haben wir verschiedene Gruppen, die genau diese Entzündungsmoleküle behandeln, die Sie in diesem grossen Pathogenese-Slide gesehen haben. Nämlich: Wir haben TNF-Inhibitoren, wir haben Inhibitoren der Interleukin-17, es gibt Inhibitoren der sogenannten Januskinasen, und dann kann man in einer individualisierten Therapie schauen, welche Begleitsymptome, welche anderen Organmanifestationen der Patient auch hat. Ist das Auge mitbetroffen? Gibt es eine Darmbeteiligung? Und danach intelligent die individuell richtige Therapie auswählen.
Beim Monitoring helfen uns sogenannte Disease Activity Scores – hier sei nur auf den ASDAS verwiesen. Der kombiniert Patientenfragen zu Schmerz, Steifigkeit, Aktivität mit dem CRP oder den Entzündungswerten, und wir können dann klassifizieren nach einem bestimmten Scorewert: Ist der Patient in einer Remission? Ist die Krankheit aktiv? Die Klassifikation erfolgt dann anhand dieser erreichten Punktwerte. Es gibt immer mehr in der Rheumatologie den Treat-to-Target-Ansatz: Man setzt sich ein Behandlungsziel, das nach einer gewissen Zeit erreicht werden soll. Das ist sehr strukturierte, qualitätsbasierte Medizin. Die Frage ist allerdings in Forschungsprojekten, inwieweit solche Scores bei diesem multifaszettierten Geschehen der axialen Spondylarthritis das ganze Target abdecken können, das einen Patienten betrifft – oder ist zum Beispiel das Ziel der Behandlung mit Schmerz, Steifigkeit, Aktivität und einem guten CRP-Wert schon erreicht?
Letztlich ist die Frage: Wie bleiben wir gesund? Das richtet sich gerade bei der axialen Spondylarthritis auf die frühe Diagnose und auf die frühe Behandlung. Wichtig ist, das Krankheitsbewusstsein zu schärfen. Dadurch gibt es Schulungen für Hausärzte, die meistens den ersten Kontakt mit Betroffenen darstellen, damit Patienten und das Umfeld auch informiert sind. Die Diagnosewerkzeuge zu verbessern – wir wollen eine präzise Diagnose. Sie können es ein bisschen erahnen an den Schwierigkeiten in der MRI-Interpretation, an den Schwierigkeiten, dass es eben keinen einzelnen Diagnosetest gibt – ein Bereich, an dem gearbeitet wird. Wir wollen die Subgruppen im ganzen Krankheitsspektrum besser verstehen. Wir wollen die Therapien individualisieren. Wichtig ist, ein Monitoring zu standardisieren, und vielleicht hilft uns auch die künstliche Intelligenz dabei.
Ich möchte auf zwei Punkte kurz eingehen: einmal die Subgruppen verstehen und die Therapie individualisieren. Was meinen wir medizinisch damit? Hier ist eine Übersicht über die Subgruppen – was sind die Unterschiede zwischen Frau und Mann bei der axialen Spondylarthritis? Und Sie sehen, es gibt ganz grosse Unterschiede: Eine höhere Dauer bis zur Diagnose sehen wir bei Frauen. Wir sehen, dass Frauen eher periphere Manifestationen haben mit Gelenkentzündungen und Sehnenentzündungen. Wir sehen, dass Frauen eine geringere Assoziation mit dem HLA-B27 haben. Wir sehen, dass bei Frauen klinisch häufig führend ist die Müdigkeit, der Schmerz, die Schlafstörungen. Vergleichen wir es mit den Männern: Hier sehen wir häufiger Entzündung, mehr entzündliche Faktoren. Wir sehen, dass Frauen bei den Komorbiditäten eher an Depressionen und Fibromyalgie leiden. Wenn wir auf die Männer schauen, sind das eher kardiovaskuläre Komorbiditäten, Bluthochdruck, die Dyslipidämie. Und wir sehen, dass wir radiografisch bei Frauen weniger erosive Veränderungen sehen, mehr Entzündung im Vergleich zu den Männern. Und dass das Ansprechen auf unsere Therapien geringer ist bei Frauen als bei Männern. Und das ist sehr wichtig, dass wir uns das klarmachen und unsere Therapien auch individualisieren. Prädiktoren für einen Therapieerfolg sind tatsächlich männliches Geschlecht, Nichtraucherstatus, eine kurze Krankheitsdauer und nachweisbare Entzündungsparameter.
Das wirkt etwas kompliziert, ist es aber eigentlich gar nicht. Was verstehen wir unter Präzisionsmedizin? Wie individualisieren wir unsere Therapien? Man kann in einer Blutprobe die weissen Blutzellen, die Lymphozyten, anfärben auf bestimmte Oberflächenmarker. Diese Oberflächenmarker haben verschiedene Namen, wie hier CXCR3 oder CCR6 oder CD38HLADR. Bei Patienten – und dies sind jetzt Beispiele aus der Psoriasis-Arthritis, einem sehr verwandten Formenkreis zur axialen Spondylarthritis – sehen wir, dass bestimmte Untergruppen dieser weissen Blutzellen aktiviert sind, aber nicht bei allen Patienten gleich. Das heisst, einige Patienten haben einen hohen Phänotyp an sogenannten Helfer-T17-Zellen, andere Patienten an Helfer-T1-Zellen. Und man kann dies vor einer Therapie messen: Was ist der individuelle Immunphänotyp im Blut dieser Patienten? Und in dieser Studie wurde gezeigt, dass, wenn man sieht, dass die sogenannten TH17-Zellen hoch sind und man ein Medikament wählt, das den Interleukin-17-Signalweg hemmt, das Therapieansprechen sehr viel besser ist. Und das ermöglicht uns als Tool eine Vorhersage für die Effektivität unserer Therapien. Wir können vorhersagen, welches Medikament wir bei diesem bestimmten Patienten wählen müssen und warum wir bewusst nicht das andere Medikament wählen. Und hier ist durchaus ein sozioökonomischer Nutzen dahinter – nicht nur, weil wir verschiedene Medikamentenzyklen verhindern können, die bei der Therapie nicht ansprechen. Wir können dadurch eine lange Leidenszeit natürlich verhindern, wenn das gelingt. Wir können aber auch die Patienten schneller wieder gesund machen oder in Abwesenheit von Krankheitsaktivität bringen, einfach dadurch, dass wir gezielt vorher, anhand dieser Immundiagnostik, klar machen, welches Medikament für den einen Patienten das Beste ist.
Der letzte Ausblick zum Schluss: Synergien schaffen 2026. Wo stehen wir bei der Hightech-Medizin? Was wollen wir dort erreichen? Präzision und Prädiktion. Wir wollen die Krankheit genau erkennen. Wir müssen Algorithmen für die Frühdiagnostik und für die Verlaufsdiagnostik schaffen, sogenanntes Remote Monitoring. Wir versuchen, Biomarker zu finden zur Auswahl der passenden Therapie – ich habe Ihnen ein Beispiel gezeigt zu den Lymphozyten-Phänotypisierung. Es gibt mittlerweile Programme, sogenannte Digital Twins, die den Krankheitsverlauf vorhersagen können – Computerprogramme, die alle soziodemografischen Variablen einbeziehen, den Krankheitsbefall, das Ansprechen auf vorherige Therapien, und die uns durchaus helfen können zu sagen, wie das Outcome bei diesem einen Patienten wäre.
Was die Patient:innenteilhabe angeht, denke ich, sollte das Ziel weiterhin das Partnering sein, oder? Patient:innen sind Expert:innen aus Erfahrung, die wissen, wenn es ihnen nicht gut geht, die kennen ihre Symptome, und das sind wichtige Hilfsmittel für uns als Ärzte in der Medizin, um den Krankheitsverlauf gut zu verstehen. Das Selbstmanagement, die Integration der eigenen Ziele in den Therapieplan, ist eine wichtige Säule, und wir wollen gemeinsam mit Ihnen die Entscheidung treffen, wie die individuelle Therapie aussieht.
Gesundheitspolitisch, was könnte dort relevant sein? Letztlich werden hier die Strukturen für die Zukunft geschaffen. Die Finanzierung von Innovation ist für mich als Physician-Scientist immer ein wichtiger Punkt. Der Wissensaustausch: Wie können wir uns zwischen den einzelnen Zentren in der Schweiz, aber auch international, besser vernetzen? Welche Software benutzen wir? Wie können wir Daten austauschen und nutzen? Und natürlich ist ein Punkt auch, was die besten Versorgungsmodelle für Betroffene sind. Wie kommt Innovation von den Universitätskliniken auch in die Peripherie? Wie kann das dort auch in ländlichen Regionen angewendet werden?
Ich denke, das Fazit muss sein: Wir brauchen den Austausch zwischen den Akteuren, und ein Treffen wie das heutige ist sicherlich ein ganz hervorragender Rahmen dafür. Wir sollten uns fragen: 2026, wo stehen wir? In welchen Bereichen sind wir gut? Was können wir gut, aber in welchen Bereichen sind wir vielleicht noch nicht so gut? Wo wollen wir hin? Wo wollen wir unsere Schwerpunkte setzen? Soll es in der digitalen Medizin sein? Wollen wir in der Biomarkerforschung arbeiten? Und dann sollten wir uns fragen, wie wir das erreichen wollen, mit welchen Mitteln, in welchen Zentren wir das machen wollen. Und wahrscheinlich ist es gut, dann für das Krankheitsbild sogenannte Task Forces zu bilden, die bestimmte Fragestellungen beantworten und da das Beste für Patientinnen und Patienten hervorbringen können.
Und damit möchte ich Ihnen ganz herzlich für die freundliche Einladung danken und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.