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Italienischer Nationaldichter litt wahrscheinlich an Bechterew

Elio Germano als Giacomo Leopardi im Film «Il giovane favoloso» (2014), der das Leben des Dichters darstellt. Bild: Mario Spada

Elio Germano als Giacomo Leopardi im Film «Il giovane favoloso» (2014), der das Leben des Dichters darstellt. Bild: Mario Spada

Wer diesen Sommer nach Italien fährt, könnte sich auf die Spuren des Dichters Giacomo Leopardi machen. Dieser litt wahrscheinlich an Bechterew.

Giacomo Leopardi (geboren am 29. Juni 1798 in Recanati in der Nähe der Hafenstadt Ancona, gestorben am 14. Juni 1837 in Neapel) war ein bedeutender italienischer Dichter, Essayist und Philologe. Sein kurzes Leben war neben der Literatur und Poesie auch von vielen schweren Krankheiten geprägt, über die lange spekuliert wurde. Nun haben sich zwei italienische Mediziner intensiv mit den Beschreibungen der Krankheiten von Leopardi auseinandergesetzt und sind zu einem klaren Schluss gekommen: Der italienische Dichter musste an einer juvenilen Ankylosierenden Spondylitis leiden, also einem Morbus Bechterew, der bereits in den Jugendjahren ausbricht.

Gekrümmte Wirbelsäule und Augenprobleme

Zu Lebzeiten des Dichters gab es die Diagnose Morbus Bechterew noch nicht. Das wohl wichtigste Merkmal, das über Leopardi überliefert ist, ist sein stark gekrümmter Rücken. Ab dem 21. Lebensjahr wurde er nachweislich immer wieder von Problemen mit den Augen heimgesucht, die schubweise verliefen. Erst in späteren Lebensjahren chronifizierten sich diese Probleme, so dass er zum Schreiben und Lesen Hilfe von Freunden benötigte. Zur Behandlung der Augenprobleme wurde damals Merkurchlorid eingesetzt. Während der Jahre, die er in Bologna verbrachte, hatte er zudem starke Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, die auf einen möglichen Morbus Crohn hindeuten könnten. Giacomo Leopardi nannte diese Beschwerden selber seine «Bologna-Krankheit».

Hinzu kamen dann noch wiederkehrende Bronchitisepisoden, Fatigue, geschwollene Knöchel und Herzkreislaufprobleme, die schliesslich auch zum Tod des Dichters führten. Alle Beschwerden des Schriftstellers ausser den Herzkreislaufproblemen verliefen schubweise, d.h. es gab auch Phasen mit schwacher oder keiner Krankheitsaktivität.

Wilde Spekulationen

Bereits kurz nach dem Tod Giacomo Leopardis begannen wilde Spekulationen über die Krankheit des Dichters bzw. die Todesursache. Die italienischen Autoren konnten die Vermutungen durch Überlieferungen aus der Zeit Leopardis nun aber ausschliessen. So konnte der Dichter zum Beispiel nicht an Tuberkolose leiden, da diese bald zu einer Querschnittlähmung geführt hätte. Leopardi wurde aber kurz vor seinem Tod noch zu Fuss in den Strassen Neapels gesehen.

Vielmehr kommen die Mediziner zum Schluss, dass sämtliche beschriebenen Beschwerden zu ein- und demselben Krankheitsbild passen: einer frühen Form des Morbus Bechterew. Die gekrümmte Wirbelsäule als Hauptsymptom ist eindeutig überliefert, die Augenprobleme müssen von mehreren Uveitisfällen herrühren, die Bronchitis von den Atmungsproblemen aufgrund der Versteifung in Wirbelsäule und Brustkorb und die Magen-Darm-Probleme als Begleiterkrankung der Gelenkprobleme. Die verschiedenen Entzündungsherde, so die Autoren, könnten schliesslich zum Herzversagen des Poeten geführt haben.

«Erdrosseltes Leben»

Trotz oder wegen seiner starken körperlichen Beschwerden sind die 39 Lebensjahre von Giacomo Leopardi von einem reichen literarischen Schaffen geprägt. Das Leben des Dichters wurde 2014 in Italien verfilmt (siehe Filmtipp). Im Film sieht man deutliche Merkmale des Bechterew beim Protagonisten, die auch mit den Beschreibungen von Zeitgenossen übereinstimmen. Der Poet erscheint als kleiner, buckliger und kränklicher Mann.

Die Aufarbeitung der Krankengeschichte eines Dichters, der vor mehr als 200 Jahren geboren wurde, hat für die heutige Medizin keine weitreichende Bedeutung mehr. Dennoch zeigen das Leben und Leiden des Giacomo Leopardi auf eindrückliche Weise, wie komplex der Krankheitsverlauf und die wie langwierig eine «Diagnosestellung» damals waren. Heute wissen wir glücklicherweise vieles besser und die Lebensqualität der Betroffenen kann auf vielfältige Weise positiv beeinflusst werden.

 

Filmtipp:

Der Film «Il giovane favoloso» (deutscher Titel «Leopardi») ist als DVD und Blu-ray erhältlich.

 

Sganzerla, Erik Pietro, and Michele Augusto Riva: «The Disease of the Italian Poet Giacomo Leopardi (1798–1837): A Case of Juvenile Ankylosing Spondylitis in the 19th Century?.», JCR: Journal of Clinical Rheumatology 23.4 (2017): 223-225.