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Ein «Fussgänger» und eine Leidenschaft auf zwei Rädern

© Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew

David Jauch (24) spielt Rollstuhl-Basketball, obwohl er das Hilfsmittel eigentlich nicht braucht. Auch sonst bleibt er mit dem Bechterew in Bewegung.

David Jauch hat eine spezielle Leidenschaft. Das Erstaunen darüber ist offenbar nicht nur bei neuen Bekanntschaften vorprogrammiert, sondern war auch im privaten Umfeld des 24-Jährigen anfangs teilweise gross. Denn David Jauch ist Rollstuhl-Basketballer und geht diesem Sport auf nationalem und internationalem Level nach. Und dies obwohl er «Fussgänger» – also im Alltag nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist. So besonders diese Aktivität für David Jauch ist, so dünn gesät sind auch die entsprechenden Vereine in der Schweiz. Die nationale Liga ist überschaubar, in der Nationalmannschaft kennt man sich mitunter seit Jahren. Die stärksten Teams in der Schweiz seien seine Mannschaft, die «Pilatus Dragons», und der Verein aus Genf, erklärt David Jauch. Überhaupt gibt es vieles, das man als Aussenstehender nicht über diese Sportart weiss. Zum Beispiel ist es so, dass die Rollstuhl-Basketballer, wie auch andere Behindertensportler, je nach Grad ihrer Einschränkung eine Punktzahl vom jeweiligen nationalen Verband erhalten. Und die Teams müssen sich dann entsprechend der Punktzahl ihrer Spieler zusammensetzen, ohne dass eine bestimmte Punktzahl überschritten wird. So wird sichergestellt, dass trotz unterschiedlich starker Einschränkungen mehr oder weniger ausgeglichene Teams aufeinandertreffen. Ein ausgeklügeltes System also.

Beim Treffen mit dem Rollstuhl-Basketballer aus dem Luzerner Hinterland sitzt dem Schreibenden ein stattlicher junger Mann in schnittigem Freizeitsakko und Jeans gegenüber. Besonders auffällig: Der dichte, lange Bart des 24-Jährigen. Er hört aufmerksam zu, erklärt seine Leidenschaft geduldig und mit offensichtlicher Lebensfreude.

«Minimal behindert»

Die grosse Frage, die im Raum steht, ist, wieso ein Fussgänger überhaupt Rollstuhl-Basketball betreibt. Und die Antwort ist relativ einleuchtend, auch wenn man sie vielleicht nicht jedem gleich unter die Nase reibt. David Jauchs Vater war seit seiner Kindheit aufgrund eines Unfalls Rollstuhlfahrer und spielte lange bei den «Pilatus Dragons» und im Nationalteam. Dadurch kam David Jauch schon früh mit dem Rollstuhlsport in Berührung. Dieser ist ausserdem in der Region um Nottwil, wo das Schweizerische Paraplegikerzentrum beheimatet ist, besonders stark verwurzelt. «Die Nähe von uns zum Zentrum ist für beide Seiten ein Vorteil.» In seinen Jugendjahren betrieb David Jauch zunächst Handball. Doch dann kam irgendwann der Bechterew dazwischen, und das Handballspiel war nicht mehr möglich. In der ersten Phase der Krankheit waren die Beschwerden so stark, dass David Jauch kaum noch gehen konnte. Doch schon bald war er als Zuschauer bei einem Spiel der «Pilatus Dragons» dabei – und wusste: Das ist es. «Es gab schon die eine oder andere kritische Reaktion in meinem Umfeld», erinnert sich David Jauch. Mit diesen Personen habe er früher oder später gebrochen. Und andere Rollstuhl-Basketballer, die tatsächlich auf den Rollstuhl angewiesen sind, hätten kein Problem damit, dass er sozusagen in ihre «Bastion» eindringt.

Umso besser, denn für David Jauch war mit dem Rollstuhl-Basketball eine Leidenschaft geboren. Mit dem Morbus Bechterew und zusätzlichen Knieproblemen gilt er übrigens als «minimal behindert». Das entspricht der maximalen Punktzahl von 4.5 des Schweizerischen Rollstuhl-Basketballverbands. Während die Zulassung auf nationaler Ebene keine grosse Sache war, sei dieser Prozess für die internationalen Wettkämpfe schon ein grösseres Unterfangen gewesen, erzählt David Jauch. «Ich musste sämtliche medizinischen Unterlagen an den internationalen Rollstuhl-Basketballverband einschicken und eine Gebühr bezahlen». Schliesslich habe er die Zulassung aber erhalten. Ohne diese und die bis heute erfolgreiche TNF-Alpha-Hemmer-Therapie könnte David Jauch seiner Leidenschaft auf zwei Rädern nicht nachgehen.

Vom Koch zum Optiker

Davor musste David Jauch jedoch – wie viele andere Bechterew-Betroffene – den teils langwierigen Weg zu einer gesicherten Diagnose  beschreiten. Doch dieser war bei ihm sehr kurz, da bereits seine Mutter vom Bechterew betroffen war und der Verdacht deshalb schon nach wenigen Untersuchungen im Raum stand. «Es war für mich wie ein Déjà-vu der Geschichte meiner Mutter», erzählt David Jauch.

Nicht nur auf sportlicher Ebene hat David Jauch in jungen Jahren schon ungewöhnliche Wege beschritten, sondern auch beruflich. Seit dem vierten Lebensjahr war sein grosser Traum, einmal Koch zu werden. Schon als kleiner Knirps probierte er selber Rezepte aus und begann nach der Schulzeit konsequenterweise mit der Kochlehre. Doch der Kochberuf ist körperlich anspruchsvoll, und so musste er eines Tages im Kühlraum etwas von einem Regal herunterholen, als er einen stechenden Schmerz im unteren Rücken verspürte. Sofort benachrichtigte er seine Eltern, die gleich mit ihm ins Spital fuhren. «Mein Lehrmeister war natürlich nicht besonders erfreut darüber», erinnert sich David Jauch. Im Spital meinte der erste untersuchende Arzt, es handle sich sicher um ein muskuläres Problem. Typisch für einen aktiven Jugendlichen halt. Aber wie sich bald zeigen sollte, war das zu kurz gegriffen. Als die Schmerzen nicht besserten und weitere Abklärungen folgten, stand die Diagnose Bechterew schliesslich fest. Und damit auch, dass er die Kochlehre nicht abschliessen konnte. Die darauf folgenden Abklärungen, was für eine Ausbildung er stattdessen absolvieren konnte, zogen sich in die Länge. Schliesslich fand er eine Lehrstelle bei einer Optikerfirma und begann die Berufslehre als Augenoptiker. Diese schloss er dann auch erfolgreich ab.

Hohe Ziele in Beruf und Sport

Heute arbeitet David Jauch immer noch in der Optikbranche und ist froh, trotz der einschneidenden Diagnose eine Ausbildung absolviert und eine gute Anstellung zu haben. In der Freizeit gilt sein grosses Interesse immer noch dem Rollstuhl-Basketball. Er spielt immer noch beim gleichen Verein, den «Pilatus Dragons», und bei internationalen Turnieren mit der Nationalmannschaft. Und er hat grosse Träume für sich und seinen Sport. Weltmeister werden, an den paralympischen Spielen teilnehmen – schön wär’s. Um noch mehr Nachwuchs für die Sportart zu rekrutieren, sind David Jauch und seine Teamkollegen an verschiedenen Fronten aktiv, zum Beispiel auch in den sozialen Medien. In nächster Zeit wird er aber zuerst wieder einmal sein Sportgerät, den Rollstuhl, weiter optimieren. Die Wunschliste der Anpassungen ist fest im Kopf gespeichert.

Auch beruflich soll es bei David Jauch in den nächsten Jahren noch eine grössere Anpassung geben. Obwohl er sich in seinem Beruf als Optiker nicht unwohl fühlt, hat er in den letzten Jahren eine neue Leidenschaft bei sich entdeckt: die Arbeit mit Kindern. Und so hat sich David Jauch zum Ziel gesetzt, an der Pädagogischen Hochschule die Ausbildung als Primarlehrer zu absolvieren. Es wird also spannend bleiben, welche Wendungen das Leben von David Jauch noch nehmen wird. Und dies nicht nur auf seinen zwei liebsten Rädern.