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Heft Nr. 19 / Januar 2004
Taijiquan, Qigong und Morbus Bechterew
Ein altes Sprichwort in China besagt, dass «alle Krankheit
von der Wirbelsäule kommt». Dies bedeutet in der Lehre
der altchinesischen Medizin nichts anderes, als dass «ein
krummer Rücken» nicht nur das Zusammenpressen der empfindlichen
Bandscheiben mit schmerzhaften Auswirkungen verursacht, sondern
auch einen Druck auf die inneren Organe des Menschen. Dadurch entstehen
verschie-dene Funktionsstörungen.
WIE KRANKHEITEN ENTSTEHEN I
In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird eine Erkrankung
«ganzheitlich» betrachtet. Nicht die Ursache, sondern
eher Umwelt und Umstände, die zu einer Erkrankung führen,
stehen im Vordergrund. Normalerweise verfügt ein gesunder Körper
über ausreichende Abwehrkräfte, es gibt aber Ereignisse
und Situationen, die dazu führen, dass die Abwehrkräfte
nachlassen und sich Krankheiten ausbreiten können.
Zu den auslösenden Faktoren, die in der Traditionellen Chinesischen
Medizin zu Krankheiten führen, werden besonders drei hervorgehoben:
die Umgebung, die emotionalen Faktoren und die Lebensweise. Zu den
Umgebungsfaktoren gehören äussere Bedingungen (Klimafaktoren)
wie Wind, Feuer, Feuchtigkeit, Kälte, Hitze und Trockenheit.
Zu den inneren (emotionalen) Faktoren werden Ärger, Freude,
Traurigkeit, Angst, Furcht, Kummer und Melancholie gezählt.
Mit der Lebensweise sind die schwache Konstitution, die falsche
Ernährung, Verletzungen und Vergiftungen gemeint.
Erwartungsgemäss entstehen Disharmonien, wenn die Umgebung,
die emotionalen Faktoren sowie die Lebensweise ins Ungleichgewicht
geraten. Der Chinesische Arzt schaut insbesondere auf das Gleichgewicht
zwischen der Physiologie und der Psychologie des einzelnen Individuums.
Dabei sucht er dann im Speziellen nach Disharmonien. Beim einzelnen
Menschen spielt die grosse, überall vorhandene und alles durchdringende
und erhaltende kosmische Energie, das Qi, eine wesentliche Rolle.
Das Qi fliesst in Energiebahnen, so genannten Meridianen, die am
besten als Leitbahnen, Kanäle oder Wege verstanden werden können.
Der Morbus Bechterew wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin
im Zu-sammenhang gesehen mit einer schwachen Konstitution, mit Energieblockaden
oder einem Mangel an Energie. Auch Blockaden des Blutes in der DU-Energiebahn
(Mittellinie im Rücken) sowie der Energiebahnen durch Kälte,
Feuchtigkeit, Wind und Hitze spielen eine wichtige Rolle.
Aus therapeutischer Sicht gibt es in der Traditionellen Chinesischen
Medizin mehrere Wege, das Gleichgewicht eines Körpers wieder
herzustellen. Ziel der verschiedenen Therapien ist es, die Selbstheilungskräfte,
die jeder Mensch besitzt, zu mobilisieren und den Körper anzuregen.
Hierbei spielen Taijiquan und Qigong eine wichtige Rolle. Das Praktizieren
von Qigong und Taijiquan ermöglicht es, eine gute Konstitution,
das heisst ein harmonischer Fluss der Lebensenergie wieder aufzubauen.
Eine gesunde Ernährung und ein ausgewogener Lebensstil unterstützen
dies.
QIGONG I
Beim Qigong handelt es sich um eine Art von meditativen Bewegungsübungen,
mit deren Hilfe die Lebensenergie Qi in den Körper einfliessen
kann. Diese sehr alte und auch bewährte Trainingsmethode wurde
schon im 11. Jahrhundert v. Chr. in China beschrieben. Sie hat zum
Ziel, die innere Harmonie, den Ausgleich von Yin und Yang wiederherzustellen.
Die Übungen finden im Stehen, Sitzen oder Liegen statt. Im
Stehen wird der Kopf aufrecht gehalten und das Gesicht, die Schultern
und die Brust gleichzeitig entspannt. Die idealste Sitzhaltung ist
der Schneidersitz, der aber für viele von uns nicht so bequem
ist. Es wird empfohlen, jeden Tag etwa 30 Minuten zu üben,
um eine optimale Wirkung zu erzielen.
Bei den Übungen spielen Vorstellungskraft, Körperposition
und Atmung eine zentrale Rolle. Die Vorstellung ist wichtig, weil
sie uns ermöglicht, ein einziges Bild hervorzurufen, das alle
anderen ersetzt. Die Körperposition ist mit der wichtigen Entspannung
verbunden. Die Atmung selbst ist eng mit der Vorstellung verknüpft.
Einatmen heisst sich öffnen für die kosmische Energie
und ausatmen für die Ent-fernung der giftigen Qis.
Durch die verschiedenen Übungen strömen pausenlos «Kräfte»
durch den Körper. In Bezug auf die Inneren Organe gilt: Für
die Leber wird mit halbgeschlossenen Augenlidern eine Harmonie des
Qi erzielt, für die Nieren werden beide Ohren «verschlossen»,
für die Lungen wird der Mund geschlossen und fein durch die
Nase geatmet. Hierbei können Empfindungen wie «Kribbeln»
oder «Wärme» gespürt werden, was schliesslich
zur Folge hat, dass Schmerzen gelindert und die allgemeine Gesundheit
unterstützt werden.
Das Hauptziel von Qigong bleibt, Körper und Kreislauf zu stärken,
die Konzentration zu verbessern, Emotionen auszugleichen und die
Organfunktion zu verbessern.
TAIJIQUAN I
Taiji ist ein traditioneller Begriff aus der daoistischen Philosophie
und bedeutet Ursprung von allem. Taiji wird auch als Wahrheit aller
Dinge zwischen Himmel und Erde interpretiert oder als Qi vor der
Trennung von Yin und Yang, als die Welt aus dem Dao entstand und
noch klar, leer und nichtig war. Taiji bezieht sich auf die Kunst
der Selbstverteidigung mit blossen Händen nach Yin-Yang Prinzip
des Taiji. Quan selbst bedeutet «Faust».
Taijiquan will nicht nur auf eine tiefer gehende, philosophisch
begründete Bewe-gungstherapie verweisen, sondern auch im erweiterten
Sinn Verbesserung und Stabilisierung der Gesundheit miteinbeziehen
sowie die Selbsterkenntnis und die Befreiung von sozialen Zwängen.
METHODE I
Taijiquan richtet sich nach den Qigong-Prinzipien von Körper,
Atem und Geist. Der Körper entfaltet sich bei den langsam fliessenden
Bewegungen in Harmonie und in Verbindung mit muskulären Spannungswechseln
in Händen, Armen und Beinen. Die körperlichen Bewegungen
strahlen die gleiche Ruhe aus wie «langsam am Himmel vorbei
ziehende Wolken» oder wie «ein träge dahin fliessender
Fluss». Jede Bewegungs- und Richtungsänderung erfolgt
aus der Konzentration auf das Zentrum im Beckenbereich. Das heisst,
dass sich alle Bewegungsimpulse aus der Mitte des Körpers heraus
entwickeln.
Der Atem sollte natürlich, ohne Einsatz von Kraft und Willen,
langsam, regelmässig und ruhig sein. Eine weitere Stufe erreicht
man, indem man das Atmen mit der Bewegung koordiniert: Ist die Bewegung
vorwärtsdrängend wird ausgeatmet, beim sich zurückziehen
wird eingeatmet.
Geist bezeichnet die Konzentration auf den Körper, seine Bewegungen
und die Atmung. Ist die Aufmerksamkeit voll auf die Bewegungen konzentriert,
so wird Taijiquan richtig ausgeführt. Während der Übungen
nimmt man ständig wahr, was im Körper vor sich geht und
wie sich Empfindungen entwickeln. Diese innere Bewegung steht mit
der äusseren Bewegung im Einklang.
Körper, Atem und Geist stehen in ständiger Wechselwirkung.
Diese Bewusst-seinshaltung führt zu einer ruhigen, sanften
Atmung und fördert die Konzentrati-onsfähigkeit. Die volle
Aufmerksamkeit auf den Körper beherrscht und vertieft die Einheit
von Körper, Seele und Geist.
Taijiquan hat sich aus verschiedenen Stilrichtungen heraus entwickelt.
Der älteste Stil ist der Chen-Stil und der bekannteste der
Yang-Stil. Weiter gibt es den Wu-Stil, Shuan-Stil und Lu-Stil u.a.m.
WIRKUNG I
Der Gesundheitsaspekt von Taijiquan hat besonders in den letzten
Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Da es ein sorgfältig
ausgearbeitetes heilgymnastisches System ist und von Jung und Alt
ausgeführt werden kann hat es bei täglicher Anwendung
eine erhebliche Wirkung auf die Gesundheit.
Allein schon die Wahrnehmung des eigenen Körpers und der eigenen
Bewe-gungsweise verhilft zu einer besseren und verfeinerten Körperempfindung.
Die Ausübung von Taijiquan unterstützt das Herz-Kreislauf-System;
insbesondere ältere Menschen, die regelmässig üben,
können ihre Körperfunktionen verbessern wie zum Beispiel
die Sauerstoffaufnahme, das Herzminuten-Volumen und das Atemreservevolumen.
Ihre Physis und ihre Gesundheitswerte werden gestärkt. Knochen,
Bänder, Sehen und Muskeln profitieren auch davon, insbesondere
die Koordination und das Körpergleichgewicht zur Prävention
von Stürzen.
Die gleichmässige Verteilung des Körpergewichts auf Ferse,
gebeugtes Knie und Ballen ist gut geeignet, die Fussmuskulatur,
die Muskeln der Oberschenkel, die Gesässmuskeln und die Rückenmuskulatur
zu kräftigen. Gekräftigt und entlastet werden auch die
Bänder, die den unteren Rückenbereich und das Gewölbe
des Fusses stützen.
Die Fortbewegungsweise im Taijiquan geschieht über die ständig
wechselnden sanften Druck- und Gleitbelastungen. Eine Verbesserung
in der Versorgung der Gelenkknorpel ist zu erwarten, so dass diesbezüglich
chronischen Hüft-, Knie- und Fussgelenks-erkrankungen vorgebeugt
werden kann. Die Konzentrations- und Gedächtnisfähigkeit
wird ebenfalls positiv beeinflusst.
INDIKATION UND ABLAUF DER ÜBUNG I
Taijiquan wird als Therapie bei chronischen Erkrankungen eingesetzt
wie zum Beispiel bei Arthrose, Weichteil-Rheumatismus, allgemeiner
Schwäche sowie bei Osteoporose. Auch in der Prävention
hat sich Taijiquan sehr bewährt.
Taijiquan kann jeder erlernen - ob alt oder jung, gesund oder krank,
sportlich oder unsportlich. Die wichtigsten Punkte sind ein Offenwerden
für die Eigenart dieser Methode und die Bereitschaft zum regelmässigen
Üben. So wird jeder die Wirkung erfahren und Lebensfreude entfalten.
Es gibt keine Kontraindikation.
Taijiquan umfasst tiefe philosophische Dimensionen, so dass man
ein Leben lang lernen kann. Regelmässiges Praktizieren ist
entscheidend. Ideal ist es, wenn jeden Morgen zwischen fünf
und sieben Uhr 30 Minuten lang in einem ruhigen Raum geübt
wird.
Taiji weist den Weg, der zur Harmonie von Körper, Geist und
Seele führt. Es ist der immerwährende Tanz des Lebens.
Dr. Dr. med. Yiming Li, Arzt für Traditionelle Chinesische
Medizin, RehaClinic Zurzach
Kees Rigter, Leiter Physiotherapie, RehaClinic Zurzach
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